2019-11-30

„Slowakei ein wichtiger Ergebnisbringer“

Wir sprachen mit Dr. Peter Thirring, VIG-Vorstandsmitglied und Slowakei-Kenner.

 

 

 

Dr. Peter Thirring ist Vorstandsmitglied der Vienna Insurance Group (VIG) und Aufsichtsratsvorsitzender der beiden slowakischen VIG-Töchter Komunálna und Kooperativa. Seine überaus genaue Kenntnis der Verhältnisse auf dem slowakischen Versicherungsmarkt verblüffen im Interview immer wieder. Auch wenn es für ihn selbstverständlich ist, „eine enge Beziehung zu jenen Ländern zu entwickeln, für die man auch im Konzern die Länderverantwortung trägt“.

 

Herr Dr. Thirring, was bedeutet Länderverantwortung in Ihrem Konzern?

 

Peter Thirring: Für gewöhnlich ist der Länderverantwortliche auch Aufsichtsratsvorsitzender der Landesgesellschaften, er trägt die Personalverantwortung für die Spitzenpositionen. Weiters begleitet der Länderverantwortliche die Strategie und den jährlichen Planungsprozess, um sicherzustellen, dass die lokalen Gesellschaften ihre Ergebnisse im Sinne des gesamten Gruppenplans festsetzen.

 

Sie kennen den slowakischen Markt und speziell die Versicherungswirtschaft bestens. Wie hat sie sich verändert?

 

Ab 2001 war ich in der Slowakei tätig, zwei Jahre lang auch als Generaldirektor einer Versicherung, da konnte ich die Slowakei sehr genau kennenlernen. Ich muss sagen, es ist eine totale Weiterentwicklung geschehen. Die Beschäftigtenzahlen sind in die Höhe geschnellt, die Etablierung der Automobilwerke von VW über PSA bis Kia. Auch die Versicherungswirtschaft hat sich stark gewandelt: damals war sie dominiert von der Kfz-Haftpflichtversicherung mit stark regulierten Voraussetzungen. Die Lebensversicherung lag vorwiegend bei den Strukturvertrieben. Alle Sparten verzeichneten enorme Zuwachsraten – natürlich aber ausgehend von einem sehr niedrigen quantitativen Niveau.

Die VIG hat heute über 31 Prozent Marktanteil und ist die klare Nummer 1 in der Slowakei. Gewachsen ist zwischenzeitlich der Anteil der Lebensversicherungen, kaum gewachsen die Sparte der privaten Krankenversicherung. Dazu braucht es nämlich als Voraussetzung entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen und auch eine entsprechende Spitalsinfrastruktur. Bei der Altersvorsorge bremst auch in der Slowakei die Niedrigzinsentwicklung das Wachstum.

 

Wie sehen Sie die Personalsituation?

 

Im Finanzdienstleistungs- und Versicherungsbereich habe ich keinerlei Bedenken, dass es nicht genug gute Leute gibt. Der Arbeitsmarkt ist für junge Leute in der Slowakei durchaus attraktiv. Die Abwanderung ist in unserer Branche auch nicht so stark das Problem, da die Gehälter schon sehr gut sind und viele Menschen das Pendeln ins Ausland gerne vermeiden wollen. Aber wenn ich mir die Situation in der VIG in Wien ansehe, kommt die Mehrzahl der im Konzern arbeitenden ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wegen der geographischen Nähe aus der Slowakei.

 

Die Rolle der VIG-Unternehmen in der Slowakei?

 

Die Slowakei ist ein wichtiger Ergebnisbringer – für die Größe des Landes muss man schon sagen: überproportional. Und mit der Kooperativa hat ja die Expansion der VIG in die CEE Region überhaupt angefangen. Die Slowakei ist außerdem ein wichtiger Partner bei neuen Projekten und Produkten.

 

Wie sieht die Zukunft aus?

 

Die VIG ist weiterhin daran interessiert, in der Slowakei zu investieren. In Bratislava und Umgebung betreiben wir eine eigene Immobiliensparte, wobei wir nicht in Immofonds investieren, sondern gezielt selbst interessante Objekte suchen und finden.

 

Die Zwei-Markenstrategie, wie in der Slowakei mit Komunálna und Kooperativa, ist die langfristig sinnvoll?

 

Auf jeden Fall! Die Kooperativa hat alleine einen Marktanteil von 25 Prozent und ist die große städtische Versicherung in Bratislava, die Komunálna ist mehr regional verankert. Diese wollen wir durch verstärkte Zusammenarbeit mit den Gemeinden noch schlagkräftiger machen.

 

Noch Wünsche an die gute Fee, wenn es diese denn gäbe?

In der Slowakischen Republik wäre es erstrebenswert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine Versicherung, auch zu Steuern und Abgaben berechenbarer zu machen. Sicherheit und Stabilität ist nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Versicherten wichtig. Und da gibt es noch einiges zu tun.

 

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Vienna Insurance Group

Die Vienna Insurance Group AG Wiener Versicherung Gruppe (VIG) zählt zu den größten Versicherungskonzernen in Europa und ist die größte Versicherungsgruppe in Österreich sowie Zentral- und Osteuropa. Die Wurzeln des Versicherungskonzerns gehen ins Jahr 1824, mit der gegründeten Wechselseitigen k.k. privaten Brandschaden-Versicherungs-Anstalt zurück. Ihren Konzernsitz hat die Vienna Insurance Group im Ringturm, dem im Jahr 1955 erbauten ersten Bürohochhaus Wiens. Die VIG ist auf die CEE-Region fokussiert und verfolgt als eine der wenigen internationalen Versicherungsgruppen eine lokale Mehrmarkenstrategie.

Elisabeth Stadler Vorstandsvorsitzende

Günter Geyer Aufsichtsratsvorsitzender

Mitarbeiterzahl         25.947

Umsatz          9.657,3 Mrd. Euro

Die internationale Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat am 30. Juli 2019 das Rating der Vienna Insurance Group mit „A+“ und stabilem Ausblick erneut bestätigt. Die VIG ist weiterhin das bestgerateste Unternehmen im ATX, dem österreichischen Börsenindex. Die VIG gehört zu einer der stabilsten und wirtschaftlich erfolgreichsten Unternehmen Österreichs.

Der Vorstand der Vienna Insurance Group setzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Elisabeth Stadler (CEO), Franz Fuchs, Liane Hirner (CFO), Peter Höfinger, Peter Thirring.

 

Dr. Peter Thirring wurde 1957 in Seattle („Ort war Zufall“) geboren und hat Rechtswissenschaften an der Universität Wien studiert. Seine mehr als 30jährige Versicherungserfahrung hat er innerhalb der Generali Versicherungsgruppe eingesetzt. Von März 2016 bis Ende Juni 2018 war er Generaldirektor der Donau Versicherung. Dr. Peter Thirring wurde am 1. Juli 2018 in den Vorstand der Vienna Insurance Group bestellt.

Zuständigkeitsbereiche: externe aktive Rückversicherung und Compliance. Länderverantwortung: Georgien, Liechtenstein, Slowakei, Türkei.

 

Foto:

 

„Die Entwicklung der Slowakei in den vergangenen Jahren ist enorm“: Peter Thirring (l.) im Gespräch mit Pressburger-Zeitung-Herausgeber Kurt Ebner.

Foto: Chris Waikiki