2019-11-09

1989: Regime in den letzten Atemzügen

Zeitzeugen erinnern sich

 

 

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Nach mehr als vier Jahrzehnten der kriegsbedingten schmerzlichen Spaltung Europas schien es selbstverständlich, dass der Kontinent wieder zusammenfinden würde.

 

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte dieses Jahr noch beim Gipfel der V4-Regierungschefs in Bratislava, dass die deutsche Wiedervereinigung genau deshalb so friedlich verlief, weil sich zuvor die Umbrüche in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei weitgehend gewaltlos vollzogen hatten. Und der deutsche Botschafter Joachim Bleicker unterstrich während der Vernissage zur Ausstellung "Freiheit und Identität", die im September in der Andrej-Smolák-Galerie in der slowakischen Hauptstadt zu sehen war, dass sich nach 1989 gerade auch Angehörige von Minderheiten endlich hätten entfalten können.

 

Drei Jahrzehnte später scheint das politische Europa von Nationalismus, Separatismus und Ausgrenzung ganzer gesellschaftlicher Gruppen dominiert. Immerhin wachsen die Menschen unaufhörlich zusammen, wofür die Region Wien - Bratislava eines der besten Beispiele ist.

 

Drei Zeitzeugen erinnern sich für die "Pressburger Zeitung" an ihre Erlebnisse und Hoffnungen in einem Jahr, als sich die Ereignisse nur so überschlugen.

 

František Mikloško gilt als einer der Wegbereiter der Samtenen Revolution. Mit dem späteren slowakischen Premier Ján Čarnogurský organisierte er am 25. März 1988 in Bratislava die "Kerzendemonstration", eine gewaltfreie Massenkundgebung, an der rund 2.000 Menschen teilnahmen. Das löste wenn auch verzögert, ein politisches Erdbeben aus und ist um so erstaunlicher, als Christen in der ČSSR kaum Freiräume hatten.

Ján Magyar, heute Pfarrer der Evangelischen Gemeinden Bruck/L. und Hainburg/D., beschreibt es so: "Es war erlaubt, zuhause den Glauben zu leben, aber etwa für Lehrer oder Ärzte war es nicht leicht, da gab es gleich Konsequenzen und Verfolgung."

Wie konnten Proteste unter solchen Rahmenbedingungen gelingen? "Aus dem Vatikan grüßte uns Papst Johannes Paul II., die Sowjetunion öffnete sich zunehmend, damit wurden die engagierten Christen in der Slowakei selbstbewußter und zugleich immer mehr", glaubt Mikloško. Eine Vorbildwirkung für weitere Ereignisse schreibt er sich insoweit zu, als 1989 "jedenfalls die größte Herbstdemonstration in Leipzig im Zeichen brennender Kerzen stand".

 

Redaktionsmitglied Thomas Häringer war maßgeblich beim „Marsch nach Hainburg“ am 10. Dezember 1989 beteiligt. Im November 1989 kontaktierten ihn mit Milan Kňažko und Jan Budai zwei prominente Aktivisten der tschechoslowakischen Bürgerbewegung. Im damaligen Gasthaus Brenner, heute Gasthof zum Goldenen Anker, berichteten sie ihm, mit einem friedlichen Marsch nach Hainburg unter anderem Reisefreiheit erzwingen zu wollen. Beim nächsten Treffen mit den beiden Aktivisten waren dann schon Bürgermeister Johann Ritter sowie "Vertreter der Bezirkshauptmannschaft, des Innen-, Außen- und Verteidigungsministeriums anwesend und ich war nur mehr interessierter Zuhörer", so Häringer.

Für den Tag des Marsches war eine Übung des Roten Kreuzes am Flugplatz Spitzerberg angesetzt. Auch im Krankenhaus herrschte Alarmbereitschaft, und es sollen nicht weniger als 900 Jagdkommando-Soldaten im Einsatz gewesen sein.

"Mit ein paar Helfern haben wir einen Anhänger als Rednerbühne organisiert. Ein Stromaggregat, eine oder zwei Paletten Mineralwasser, eine unzureichende Menge Toilettenpapier vor Ort und nächtens ein Herz aus Stacheldraht übernommen und aufgestellt. Von der Theatergruppe Burgspiele Hainburg wurden die Menschen mit Brot und Salz an der Grenze nach altem Brauch willkommen geheißen. Nicht sehr lange, denn die mitgebrachten 10 Kilo Brot vom Bäcker Gspandl waren sehr rasch verbraucht", erinnert sich Häringer immer noch äußerst bewegt. Dass es an die 70.000 Menschen waren, "die einfach über die Grenze und zu Fuß nach Hainburg gegangen sind", sei zutiefst überwältigend und unvergesslich gewesen.

Text: Karin Rogalska

Foto:

František Mikloško, Organisator der Kerzendemonstration, als Arbeiter in den Achtzigerjahren (r.).

Privatarchiv František Mikloško.